Mainpost Artikel: Gesichter furchtbarer Hoffnungslosigkeit (29.04.10)
Ernst Grube überlebte als jüdisches Kind Theresienstadt – Er ist Sprecher auf der Kundgebung des bunten Bündnisses am 1. Mai Ernst Grube ist zwölf Jahre alt, als er im Februar 1945 mit seinen Geschwistern Ruth und Werner und Mutter Clementine mit dem letzten Transport doch noch aus dem „Judenlager“ im Münchner Stadtteil Milbertshofen in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wird. Die Rote Armee befreit das Lager am 8. Mai 1945. Die drei Kinder und die Mutter müssen aber noch sechs Wochen im Lager ausharren, ehe Vater Franz seine jüdische Frau und die drei Kinder wiedersieht.
Der Saal im DGB-Haus ist überfüllt, viele Zuhörer müssen stehen. Der 77-Jährige spricht üblicherweise in Schulen über sein Schicksal. Er macht das, weil die Jugend über diese Schreckenszeit erfahren soll. Nach Schweinfurt ist er vom bunten Aktionsbündnis eingeladen worden. Grube wird auch bei der Kundgebung am 1. Mai sprechen. Dass annähernd 100 Zuhörer sich für seine Geschichte interessieren, beeindruckt den KZ-Überlebenden.
„Erinnern allein tut's nicht! Erinnern und handeln“, ist das Motto von Grube, der nach dem Krieg Gewerkschafter, wie der Vater KPD-Mitglied wird und gegen die Gründung der Bundeswehr streitet, dafür sogar inhaftiert wird. Später engagiert sich Ernst Grube in der Friedens- und Anti-Atombewegung. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau.
Die Veranstaltung eröffnet der Film „Jüdische Kindheit in München“. Beschrieben ist das Leben der Familie Grube. Sie sind die letzten jüdischen Bewohner der Häuser neben der abgerissenen Münchner Synagoge. Alle Kinder kommen in ein Kinderheim in Schwabing. Auch die Kinder müssen Judensterne tragen. „Wir haben das anfangs als nichts Böses empfunden“, schildert Ernst Grube.
„Erinnern allein tut es nicht, erinnern und handeln!“
Ernst Grube, Überlebender des
Konzentrationslagers Theresienstadt
Erst auf der Straße, als sie angepöbelt und „Judensau“ genannt werden, erfährt der damals Neunjährige, dass „etwas nicht stimmt“. Im April 1942 müssen die Grube-Kinder das Heim verlassen, ins Barackenlager in Milbertshofen. Das Lager sei für die Kinder anfangs gar nicht so schlimm gewesen, weil „wir machen konnten, was wir wollten“. Dann aber belastet auch den Buben das ausgegrenzt Sein. Die Freunde fehlen. Wer sind wir eigentlich? Was passiert? Was ist unsere Zukunft?
Der Film endet. Gezeigt werden noch Fotos, Bilder von Menschen, die nicht mehr leben. Drei Schwestern der Mutter, deren Ehemänner und Kinder sind von den Nazis ermordet worden. Die Grube-Kinder haben keine Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen mehr. Auch viele aus dem Kinderheim sind ermordet worden.
„Jüdische Kinder hatten im Faschismus wenig Chancen“, sagt Grube leise. Sie seien für die Nazis wertlos gewesen, weil nicht einsatzfähig. Sie seien eine Gefahr gewesen, weil sie bei einem Überleben die jüdische Kultur wieder aufgegriffen hätten. Ernst Grube zeigt die Fotos zweier Mädchen im Lager und fordert dazu auf, in „diese Gesichter furchtbarer Hoffnungslosigkeit“ zu blicken. Im DGB-Saal hätte man an dieser Stelle eine Nadel fallen hören können.
Die Grubes hätten wegen des „konsequenten“ Vaters überlebt. Er habe sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen, er „war Garant und Stütze bis Februar 1945 und das reichte zum Überleben“.
Zeitsprung ins Jetzt. Grube präsentiert Auszüge aus dem Parteiprogramm der NPD und sagt, dass er es seinerzeit nicht für möglich gehalten habe, dass es in Deutschland wieder Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten gebe. Der eigentliche Adressat der Rechtsextremen heute sei „die Minderheit der Ausländer“. Die sollen „raus wie die Juden 1938“, sagt er. Grube fordert zum Widerstand dagegen auf. Der Beifall für den 77-Jährigen ist lang. |
